Rhythmus im Raum entsteht auf dreierlei Arten:
- durch Bewegungen in die entgegengesetzte Richtung;
- durch Wiederholung der Bewegungen;
- durch Beibehalten eines immer wiederkehrenden Intervalls ähnlicher Bewegungen.
Wir können Rhythmen erzeugen, weil wir rhythmische Lebewesen sind. Ähnlich wie afrikanische Musik sind unsere Körper polyrhythmisch – mit einem Herzen, Atmung, Energie-flüssen, Gehirnschwingungen und anderen zusammenhängenden Kreisläufen. Überdies leben wir in einer Welt des Rhythmus und damit ist es natürlich, dass wir unser Leben dem Rhythmus angleichen, ihm vertrauen und uns ihm hingeben. So wie die Ohren Geräusche aufnehmen, sind die Funktion des Innenohrs und die Reizempfänger, die im ganzen Körper verteilt sind. Sie sind die Antennen des Gehirns, welche die Bewegung und den Rhythmus in der Bewegung empfangen. So wie das Ohr Geräusche nach angenehmen Klängen und Mustern unterscheidet, in einen Modus des ästhetischen Genusses schaltet, wenn Musik läuft, so stellen sich unsere Körper auf das Erkennen räumlicher Rhythmen ein. Ebenso auf eine Aufgeschlossenheit für ihre Wirkung, wenn sie tanzen oder "getanzt" werden - so wie beim Tanz der Heilung. Ähnlich wie die Vibration der Musik für einen tauben Menschen fühlbar ist, schalten wir beim Tanz der Heilung in einen fühlenden Modus um. Ganz im Gegensatz zu dem an Land überwiegend herrschenden „Seh- und Hörmodus". Eine Praktizierende der Aquatischen Körperarbeit könnte sich selbst als eine „Wasserschamanin" sehen, die Trancezustände nicht mithilfe von Trommeln sondern durch ihren eigenen Körper bewirkt. Ihr Körper ist ihr erstes Instrument, und der Körper der Empfangenden steigt dann in den
stillen Takt des Rhythmus ein. Eine Trommel hat eine oder mehrere Stellen, an welchen der erzeugte Ton besonders gut klingt. Wie Trommeln haben auch Körper „sweet spots" (besondere Stellen), an welchen die Bewegung am besten entstehen kann. Am Anfang einer Sitzung im Tanz der Heilung, baut die Gebende ein rhythmisches Feld auf, durch welches sie einen Geisteszustand aufbaut, in dem sie den Rhythmus in ihrer Atmung und ihren Bewegungen verkörpert. Dieses rhythmische Feld bewirkt ein subjektives Gefühl der Zeit, das die Zeit teilt, und der Zeit Muster auferlegt, in einer Welt der virtuellen Zeit, die uns aus unserem alltäglichen Leben heraushebt. Man kann den Tanz der Heilung wirklich als „stille Musik", bestehend aus rhythmischen Impulsen des Drucks, der Berührung und der Bewegung, verstehen, die auf den Reizempfängern des Körpers und auf dem Gleichgewichtsorgan im Ohr gespielt wird. Der Körpergeist ist in einem andauernden rhythmischen Phänomen eingewickelt, welches seine Fähigkeit aktiviert, sich auf Formen und Muster in einem Raum einzustellen. Die Bewegung ist eleganter als jedes verbale Belehren und spricht das Nervensystem und das Gewebe direkt und ohne Worte an. Die Gebende singt der Partnerin mit ihren Bewegungen ein Lied. Wie bei der Musik, wirkt hier die Kraft des „Mitgerissen-Werdens", und innere biologische Rhythmen kommen in Bewegung, denen ihrerseits wiederum Bewusstseinsänderungen folgen. Der Rhythmus ermutigt oder zieht die Bereiche von uns in die Bewegung zurück, die sich verlangsamt haben oder nicht mehr in Bewegung sind. In isolierten Kreisläufen eingeschlossene Energien werden wieder in den gesamten Fluss integriert. Laß dein rhythmisches Feld so stark sein wie eine fantastische Tanzmusik, so dass die Empfangende davon mitgerissen wird.
Eine Session als eine Zeit der Erfahrung. Unsere Aufgabe als Gebende ist nicht, etwas in Ordnung zu bringen oder zu verändern. Wir sorgen nur mitfühlend für den Raum, in dem sich das Bewusstsein weiten kann. Wir sind uns der Auswirkung des Rhythmus bewusst und können ihn verändern. Für jede Bewegung, die wir machen, gibt es die entsprechende Reihe von Rhythmen. Ich nenne das den Rhythmus des Bewusstseins oder die Stille in der Bewegung. Der Ursprung der Stille ist die Gebende, wenn sie in ihrer Mitte ist. So kann sie der Partnerin mit Respekt begegnen. Raum für eine neue Wahrnehmung kann entstehen, wenn die Empfangende nicht auf den Stress der Reizüberflutung reagiert. Bewegen wir die Partnerin in ihrem Rhythmus, so kann sie das Echo der Bewegung in Körper und Seele spüren. Wenn wir nicht ganz im Einklang mit unserer Partnerin sind, mit ihr nicht ein Zusammenspiel eingehen und ihr nicht mit Feingefühl begegnen, zieht es uns wahrscheinlich in Rhythmen, die zwar für uns richtig sind, aber unpassend für sie. Wir werden vielleicht in unserem eigenen Fluss sein, der aber nicht in Beziehung zur Partnerin steht und nicht ganz auf ihre Bedürfnisse eingeht. Achtet auch darauf, zwischen den Rhythmen zu unterscheiden, in die der Körper der Empfangenden fallen kann, und dem Rhythmus, den ihre Psyche braucht. Um den richtigen Rhythmus zu finden, fragen wir uns: „Welchen Rhythmus braucht diese Person?" Wenn wir diese Frage stellen, bilden wir einen Raum in dem die Antwort sein kann und das Loslassen ermöglicht wird.
Manche mögen das erregende Gefühl schneller Rhythmen, das gegenströmende Wasser, die Abwechslung und das Unbekannte. Andererseits gibt es Klienten, die es absolut genießen, wenn sie in einer Stilleposition gehalten werden und die Sicherheit eines anderen Körpers in einer nicht sexuellen jedoch überpersönlichen Verbindung spüren. Langsamere Rhythmen wirken beruhigend und erlauben eine Ausdehnung in das Selbst. Wenn diese Ausdehnung sorgsam aufrechterhalten wird, kann sie in Trancezustände führen. Das ist eine kraftvolle Art und Weise zu teilen. Nur in langsameren Rhythmen ist dieser zeitlose, feine Moment der Schwerelosigkeit am Ende einer Wellenbewegung, Schwingung oder Rotation möglich. Ein Rhythmus ist zu langsam, wenn er „stirbt", d.h. wenn er den Schwung verliert und die Empfangende sich mehr auf die konzentriert, die bewegt, als auf ihren eigenen Körper und ihre eigene Anmut. Zu schnell ist der Rhythmus, wenn Angst aufkommt oder der Körper nicht genügend Zeit hat, der Bewegung großzügig nach zu schwingen, um seine Schwerelosigkeit und Weichheit zu spüren. Wenn die Person vollkommen entspannt ist, ähnelt der Körper einem Büschel Seegras, das mit der Strömung geht und den ursprünglichen Impuls bis zu dem sanften „Peitschenknall"-Effekt am Wendepunkt verfolgt und dann mit uns die Richtung wechselt. Wenn unser Rhythmus diesem Nachschwingen nicht genügend Zeit lässt, kann sich die Partnerin gedrängt, unwohl und manipuliert fühlen.
Schnellere Rhythmen sind mit der Yang-Energie gleichgesetzt, langsamere mit der Yin-Energie. Die Yin-orientierte Kraft der Sensibilität, Sanftheit und Liebe ist im Gegensatz zu der Yang-orientierten nicht zwingend oder überwältigend. Sie lädt uns eher ein, uns zu öffnen. Sie ist das Gegenmittel zu einem unausgeglichenen Lebensstil. Der Rhythmus der heutigen Welt, in dem es jeder eilig hat und keiner sich Zeit nimmt, Erfahrungen zu verarbeiten und zu integrieren, neigt dazu, unseren Sinn für ruhiges Tempo und Behaglichkeit durcheinanderzubringen. Das moderne Leben bedeutet eher Kampf, Stress, Aufregung und Ansporn als Zufriedenheit, Entspannung, Frieden und Raum. Für die Yin Natur der Aquatischen Körperarbeit sind Stillephasen, die eine Pause von der Bewegung bedeuten, absolut notwendig. Das Nervensystem braucht diese Pausen, um sich anzupassen und nicht mit Gefühlen überladen zu werden. Sie sind eine Gelegenheit, sich selbst zu sammeln und zu spüren. Während der Pausen kommt die Bewegung nicht völlig zum Stillstand. Sie verschwindet äußerlich fast ganz, verläuft aber wie der Pulsschlag, der Atem, die Gefühle und Gedanken ganz subtil weiter. Unsere Zellen machen sich das Nichtvorhandensein von Stress zunutze, um einen verinnerlichten Schock in einem Prozess – der „Zellatmung" – zu lösen. Das ist Bewegung in der Stille.